Das Amt des Hüttenschulzen
Das Amt des Hüttenschulzen war begehrt. Von den Gewerken, den Anteilseignern an der Hütte, gewählt, vom Bergamt bestätigt und verpflichtet, war er Verwalter und Betriebsführer der Hütte. Er führte die Hüttenkasse, aus der die Unterhaltung der Gebäude, der Teiche und Gräben, des Geschins und Gezähes (Werkzeug), die Wärme und Antreibung des Ofens (Blasebalg) bezahlt wurden, und wurde neben einigen zusätzlichen Hüttentagen (ein Hüttentag war die Ordnung, in welcher die Hütte von den Gewerken benutzt werden konnte) mit einem beträchtlichen Gehalt besoldet. Der Hüttentag ging von Glockenschlag 0 Uhr Mitternacht und endete zum gleichen Zeitpunkt des nächsten Tages. Was nach Ablauf der Hüttenzeit nicht aus dem Ofen heraus war, gehörte dem Nachfolgenden.
Der Hüttenschulze leitete auch die jährliche Gewerkenversammlung, auf der u.a. die Verlosung der Hüttentage, d.h. die Ordnung, in welcher gehüttet werden sollte, stattfand.
Die Gewerken der Hütten in dieser Gegend kamen durchweg aus dem bäuerlichen Stand, waren mit der heimatlichen Scholle fest verwachsen und allem Fremden und Neuen gegenüber zunächst misstrauisch. Sie hielten am Althergebrachten fest und waren stets auf Sparsamkeit bedacht. Diese Haltung war Generationen von Eisenhüttenleuten eigen.
Das Hüttenschulzenhaus und seine Bewohner
(recherchiert vom Heimatforscher Erich Vierbuchen)
In der Türinschrift: „ Dis Haus hatt gebaut Anthon Etdeneuer Margareta Ehleut Gott behüte es für Feuersbrand“ geben sich die Erbauer des Hauses zu erkennen. Der Name Euteneuer wird in Alsdorf erstmals in der Mitte des 17. Jahrhunderts nachgewiesen. Es war ein Hans Gerhard Euteneuer. Sein Sohn, der 1658 in Alsdorf geborene Anton Euteneuer, ist der in der Türinschrift benannte Erbauer des Hüttenschulzenhauses. Er heiratet 1681 Margarete, geb. Schütz. Es ist also anzunehmen, dass die Eheleute Euteneuer das Haus nach ihrer Heirat in den 80-iger Jahren des 17. Jahrhunderts, also vor fast 350 Jahren, errichtet haben.
Der Baumeister des Hauses gibt sich auf dem mächtigen Balken über der Haustüre zu erkennen. Es war Meister Johannes Fornebergh aus Niederfischbach. Dass er ein Meister seines Fachs war bezeugen das hervorragend bearbeitete Balkenwerk und der im Innern des Hauses gelegene kunstvoll gestaltete Treppenaufgang.
Anton Euteneuer war lange Jahre Schultheis des Kirchspiels Kirchen während der Herrschaft der Herzöge van Sachsen-Eisenach-Weimar (1661 -1741) über die Grafschaft Sayn – Altenkirchen. Das war kein leichtes Amt unter dieser Landesherrschaft. Die Eisenacher hatten es nicht verstanden, die Herzen ihrer Untertanen zu gewinnen. Sie lebten im weit entfernten Thüringen und betrachteten ihr hiesiges Territorium als gute Steuerquelle. Amtsleute und Schultheißen bekamen Gesetze und Verordnungen in die Hand, deren Befolgung durch die Untertanen sie mit voller Strenge zu überwachen hatten. Kein Wunder also, dass sich der Schultheis Anton Euteneuer mit seinem Landesherrn wegen dessen Steuerforderungen überwarf.

Schriftzug über der Haustüre
„Dies Haus hatt gebautt Antthon Edtenneuer Margretta Eheleut! Gott behütte es für Feuersbrand“

Die Eheleute Euteneuer hatten sechs Kinder. Der 1684 geborene Johann Engelbert Euteneuer war Amtsadvokat in Alsdorf von 1725 – 1741. Johann Gerlach Euteneuer, 1699 geboren, 1728 Pastor der lutherischen Gemeinde in Waldbröl, nachdem er zuvor einige Jahre die vakante evangelische Pfarrstelle in Kirchen verwaltet hatte. Er verstarb 1756 in Waldbröl.
Der 1702 geborene Sohn Johann Anton Euteneuer erscheint später als Hüttenverwalter und ist beteiligt an Gruben der näheren Umgebung. Er war verheiratet mit Maria Katharina Buhl aus Daaden. Nach seinem Tode war seine Witwe 1742 im Besitz von 1/8 – Anteil an dem vormals herrschaftlichen Hof am Fuße des Alsberg. In der folgenden Generation setzt ein Johann Georg Euteneuer die Tradition fort. 1743 und 1787 wird er mit „gutem Vermögen“ erwähnt.
Um die Wende vom 18. Zum 19. Jahrhundert ist das Hüttenschulzenhaus dann in den Besitz der Familie Himmrich gelangt.
In Betzdorf wird Mitte des 18.Jahrhunderts ein Georg Himmrich genannt („Immersch Haus mit Brauerei gegenüber der Hindenburgbrücke“). Er war 1780 Gewerke der Alsdorfer und Herdorfer Hütte und im Besitz von Grubenanteilen verschiedener Erzgruben. Er war auch der Erwerber des Hüttenschulzenhauses.
Sein Sohn Christian Himmrich, geb. 1759, lernte den „Handel“ und setzte die Hüttentradition der Familie fort. In späteren Jahren bezeichnete er sich als „Eisenhändler“. Seine Beziehungen zu Schichtmeister Johann Daniel Stein jun. in Kirchen in den verschiedensten Eisen- und Kohlehandelsgeschäften mit dem Ausland sind überliefert. Christian Himmrich hat die Rechnungen über die Beköstigung russischer Offiziere und Mannschaften in seinem Haus anlässlich des Befreiungskrieges 1813/14 unterzeichnet. Für 84 Gulden hatten die Russen gegessen und getrunken. Ein besser eingerichtetes Haus hatten die russischen Soldaten in Alsdorf wohl nicht finden können. Sein Sohn, wieder Christian Himmrich, erscheint 1840 unter den Gewerken der Alsdorfer Hütte. Die Gewerken waren vielfach miteinander verwandt. Der Name Pfeifer tritt in der Liste der Gewerken öfter auf. Pfeifers waren durch Grundbesitz in Alsdorf begütert, wie überhaupt die Alsdorfer und Grünebacher Gewerken aus bäuerlichem Stand mit dem Berg- und Hüttenwesen sowie der Holzköhlerei eng verbunden waren. Die Familie Bender kam aus Kirchen, war verwandt mit den dort ansässigen Steins und betrieb in Alsdorf einen ausgedehnten Handel, der sie auf Messen der damaligen Zeit führte.
In Wilhelm Himmrich, über lange Jahre bis 1911 Hüttenschulze der Neu-Grünebacher Hütte und ein Enkel des oben erwähnten Gewerken Christian Himmrich, verdichtete sich noch einmal die alte Hüttentradition des Hauses. Bekleidet mit seinem schwarzen Hüttenschulzenhut war er über den Ort hinaus bekannt. Hüttenschulze Wilhelm Himmrich starb 1933. Er gehörte noch jener Generation von Eisenhüttenleuten an, denen die aus folgender Anekdote erkennbare Haltung durchaus zuzutrauen war: Es war alter Brauch, dass der Hüttenschulze jährlich auf Kosten der Gewerken einen neuen Schulzenhut bekam, den er bei seiner Rechnungslegung mit einem Taler in Anrechnung brachte. Einmal nun brauste auf dem jährlichen Gewerkentag einer Hütte ein Gewerke dagegen auf: „ Bruch da dä Scholz jedes Jahr en neuen Hoot? Esch sein dogähn“. Das leuchtet den seit jeher auf Sparsamkeit bedachten Gewerken ein, und der Hut wurde für das nächste Jahr gestrichen. Der Hüttenschulze nahm das zur Kenntnis und schwieg. Nächster Gewerkentag: Alles verläuft glatt. Die Jahresrechnung macht besondere Freude, weil die Gewerken feststellen, dass sie einen Taler für den Hüttenschulzenhut eingespart haben. Lobende Anerkennung und Entlastung folgen. Alle Unterschriften sind erledigt. Da steht der Hüttenschulze auf und, indem er sich halb zum Ausgang wendet zeigt er auf die Abrechnungsakten auf dem Tisch und sagt mit einem unwägbaren Triumpflächeln in den Augen: „Und ä Hoot ös doch drönn, söhcht ön üsch!“.

Wilhelm Himmrich war bis 1911, und damit der letzte Hüttenschulze der Neu-Grünebacher Hütte. Im Jahre 1933 ist er verstorben.
Mit dem Hüttenschulzen Wilhelm Himmrich ist auch die alte Tradition des Hauses erloschen. Die aus seiner Ehe mit Maria, geb. Pfeifer hervorgegangenen Kinder, ein Sohn und drei Töchter, sind ohne direkte Nachkommen verstorben. Zwei der Töchter lebten bis zu ihrtem Tod im Hüttenschulzenhaus. Sohn Wilhelm studierte zunächst Theologie. Nach seiner Priesterweihe feierte er am 12. August 1920 seine erste hl. Messe. Ein Jahr später wanderte er in die USA aus und war dort über 50 Jahre Pfarrer in New Orleans. Eine Spur von ihm findet man in den Unterlagen des Auswandererhauses in Bremerhaven. Dort ist dokumentiert, dass ein Wilhelm Himmrich, von Beruf Priester und zum Zeitpunkt der Reise 34 Jahre alt, am 3. Dezember 1921 mit dem Schiff „Potomac“ von Bremerhaven nach New York, mit dem Ziel New Orleans, ausgewandert ist. Dort ist er auch 1975 gestorben.
Das Hüttenschulzenhaus befindet sich heute im Besitz der Familie Lang. Es wurde unter Erhaltung der ursprünglichen Substanz mit viel Liebe zum Detail restauriert und modernisiert. Heute und später möge es Zeuge für den Fleiß vergangener Generationen sein.

Urkunde für die 1. hl. Messe des Priesters Wilhelm Himmrich am 12. August 1920 (aufbewahrt im Hüttenschulzenhaus)
